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Medical Videos: worauf bei der Produktion zu achten ist

„Videos in der Gesundheitskommunikation erfordern besondere Sorgfalt“ –Interview mit Video-Expertin Tina Heinz

Videos im Gesundheitsbereich unterscheiden sich auf viele Weisen von anderen Filmproduktionen. Neben hohen Ansprüchen an die inhaltliche Richtigkeit spielt der sensible Umgang mit Patient:innen eine entscheidende Rolle. Tina Heinz, die bei TAKEPART das Team der Creative Producer leitet, gibt Einblicke in die Besonderheiten bei der Produktion von Videos für die Gesundheitskommunikation.

Von welchen Arten von Videos sprechen wir eigentlich, wenn es um Gesundheitskommunikation geht?

Tina: Wir setzen ein sehr breites Spektrum an Formaten und Zielgruppen um. Wir produzieren sowohl Langformate, die bis zu 60 Minuten dauern können, als auch kurze Clips von unter einer Minute für Social Media. Die Zielgruppen sind vielfältig: Wir sprechen Patient:innen und ihre Angehörigen an, aber auch Fachkreise wie Ärzt:innen und medizinisches Personal. Außerdem entwickeln wir Inhalte für die breite Öffentlichkeit, beispielsweise im Rahmen von Awareness-Kampagnen über HIV oder seltene Erkrankungen. 

Inhaltlich reichen die Projekte von Live-Streams von Kongressen über Realfilm-Interviews für medizinische Entscheidungshilfen bis Animationsvideos für E-Learnings. Jede Zielgruppe und jedes Thema bringt dabei ganz eigene Anforderungen mit sich. 

Was unterscheidet Videos für die Gesundheitskommunikation von anderen Videoproduktionen?

Tina: Im Gesundheitsbereich gelten besondere Anforderungen an die Richtigkeit der Inhalte. Falschinformationen können gravierende Folgen haben. Deshalb legen wir größten Wert darauf, dass unsere Inhalte verlässlich und belastbar sind. Wir arbeiten dafür eng mit medizinischen Expert:innen zusammen, die Videos prüfen und freigeben. Außerdem ist es wichtig, dass medizinisches Fachwissen möglichst einfach dargestellt wird, damit Patient:innen und ihre Angehörige die Infos gut verstehen, einordnen und anwenden können. 

Bei Patientenberichten achten wir darauf, dass immer klar ist: Es handelt sich hier um individuelle Erfahrungen. Deshalb ist es ideal, wenn wir mit mehreren Patient:innen drehen, um unterschiedliche Perspektiven abzubilden. 

Worauf ist bei der Drehvorbereitung besonders zu achten?

Tina: Eine sorgfältige Vorbereitung macht den Drehtag selbst so entspannt wie möglich. Dazu gehört, dass wir im Vorfeld Einwilligungserklärungen vorbereiten und Protagonist:innen genug Zeit haben, sie zu lesen und Fragen zu stellen. Bei Drehs in Kliniken, Praxen und öffentlichen Orten kümmern wir frühzeitig um notwendige Drehgenehmigungen

Wenn möglich, führen wir mit allen Beteiligten Vorgespräche, besonders mit Patient:innen. Wir informieren sie, was sie erwartet und worauf sie achten sollten, zum Beispiel bei der Kleiderwahl. Sie sagen uns wiederum, was für uns wichtig zu beachten ist. Zum Beispiel ist es für uns wichtig zu wissen, ob und wie lange Menschen stehen und gehen können, damit wir wissen, ob wir das Interview vor allem im Sitzen drehen oder welche Möglichkeiten wir haben, zusammen „unterwegs“ zu sein. Oder ob es Lebensmittelunverträglichkeiten gibt, die wir beim Catering berücksichtigen müssen.  

Wir schicken Menschen, mit denen wir ein Interview führen, außerdem vorab den Fragenkatalog zu. Das ist vielen lieb, um sich schon einmal Gedanken machen können und um zu wissen, worauf sie sich einstellen. Aber niemand braucht Antworten auswendig lernen, Spontanität ist sogar von Vorteil. Wir sprechen ja immer mit Menschen, die Expert:innen sind: ob Ärzt:innen als Medizin-Expert:innen oder Patient:innen, die ihr eigenes Leben am besten kennen. So entstehen entspannte, authentische Gespräche. 

Wenn es die Rahmenbedingungen erlauben, besichtigen wir die Drehorte vorab oder lassen uns zumindest Fotos schicken. Das ist wichtig, um die technischen Anforderungen abschätzen zu können und die besten Einstellungen für ein sauber eingerichtetes Bild zu überlegen. Besonders wichtig ist die Tonsicherheit. Eine ruhige Umgebung hilft, gutes Material aufzuzeichnen, aber auch das ganze Gespräch entspannter führen zu können; ohne Wiederholungen, die technisch vermeidbar gewesen wären.  

Welche Besonderheiten gibt es beim Umgang mit Patient:innen vor der Kamera?

Tina: Wir gestalten den Drehtag so flexibel, dass wir jederzeit auf die jeweilige Tagesform reagieren können.  

Patient:innen brauchen eine besondere Fürsorge. Wir achten darauf, wie es Patient:innen geht, und passen den Drehablauf an ihre Bedürfnisse an. Dazu gehört, dass Drehtage nicht zu eng getaktet sind und es genug Zeit für Pausen gibt. Außerdem Flexibilität, um auf die jeweilige Tagesform Rücksicht nehmen zu können. Die Bedürfnisse der Patient:innen haben immer Priorität, nicht unsere Zeitvorgaben. 

Wir besprechen auch sensible Themen und klären, ob es Aspekte, über die nicht gesprochen werden soll. Gerade bei schweren Erkrankungen braucht es Fingerspitzengefühl. Im Interview lassen wir bewusst Raum und machen klar, dass nicht jede Frage beantwortet werden muss. Höchste Priorität hat immer, dass es den Patient:innen gut geht. 

Datenschutz ist im Gesundheitswesen besonders sensibel. Worauf kommt es dabei an?

Tina: Protagonist:innen entscheiden selbst, ob sie mit vollem Namen, nur mit Vornamen oder unter einem Pseudonym auftreten möchten. In bestimmten Fällen drehen wir verdeckt, beispielsweise nur von hinten oder mit gezielten Schnittbildern, wenn jemand anonym bleiben möchte. 

Wichtig ist auch, dass keine sensiblen personenbezogenen Informationen im Hintergrund sichtbar sind, etwa auf Monitoren oder Akten. Außerdem dürfen nur Menschen im Bild sein, von denen wir das explizite Einverständnis haben, gefilmt zu werden.  

Sollte erst nach dem Dreh der Wunsch nach Anonymisierung geäußert werden, ist das möglich, aber deutlich aufwendiger, im Schnitt umzusetzen. Deshalb ist die gute Vorbereitung mit klaren Erwartungen und Wünschen so wichtig. Von Anfang an sollten klare Absprachen mit allen Beteiligten getroffen werden: Was ist das Ziel des Videos? Wie und wo wird es veröffentlicht? Alle Protagonist:innen sollten genau wissen, worauf sie sich einlassen. 

Wie beeinflusst das Umfeld in Kliniken die technische Umsetzung eines Videodrehs?

Tina: Drehs in Kliniken bringen besondere Herausforderungen mit sich. Idealerweise drehen wir zu Zeiten, in denen der Betrieb etwas ruhiger ist, in Praxen zum Beispiel am Mittwochnachmittag. In jedem Fall achten wir darauf, niemanden zu stören und niemanden im Bild zu haben, die damit nicht einverstanden sind. 

Das bedeutet auch, dass unser Team möglichst unauffällig agiert, sich flexibel anpasst und Wege nicht blockiert. Bei Drehs von Operationen gelten zusätzliche Anforderungen: Das Team muss spezielle Kleidung tragen, teilweise wird auch das Equipment desinfiziert. Zudem bekommen wir oft eine gesonderte Einweisung, um den reibungslosen Ablauf nicht zu gefährden. 

Was zeichnet gutes Storytelling für die Gesundheitskommunikation aus?

Tina: Gutes Storytelling unterscheidet sich im Grundsatz nicht von anderen Bereichen: Authentizität ist entscheidend. Erfahrungsberichte von Patient:innen sind für andere Betroffene besonders wertvoll, weil sie zeigen, wie Menschen mit herausfordernden Situationen umgehen. Diese Geschichten erzählen sich oft fast von selbst, weil sie auf echten Erfahrungen beruhen. 

Fachinfos von Ärzt:innen wiederum konzentrieren sich oft auf Fakten. Hier ist es wichtig, eine Balance zwischen Informationsvermittlung und narrativer Gestaltung zu finden. Wir legen großen Wert auf eine seriöse Darstellung und möchten vermeiden, dass Geschichten sensationell oder reißerisch wirken. Die Protagonist:innen sollen sich in den fertigen Videos wiederfinden und sich mit den Inhalten identifizieren können. 

Natürlich funktionieren auch Formate mit stärkerer Emotionalisierung, wie sie auf YouTube verbreitet sind. Unser Ziel ist aber immer, Informationen verlässlich und respektvoll zu vermitteln. 

Tina: Ganz klar wird Künstliche Intelligenz immer wichtiger, auch bei technischen Tools für die Umsetzung. Denkbar ist, künftig mehr mit Video-Avataren zu arbeiten, insbesondere bei der Vermittlung von Fakten, die häufiger aktualisiert werden müssen. Wichtig bleibt dabei: Authentizität und verlässliche Information müssen erkennbar bleiben. KI-Avatare werden nicht die persönlichen Erfahrungsberichte von Patient:innen ersetzen, die für andere Betroffene so wichtig sind. Und KI-generierte Videos sollen immer als solche gekennzeichnet sein. Wir haben gemeinsam als Team Richtlinien für unsere Arbeit mit KI entwickelt, wie wir Tools nutzen und dabei Qualität sichern möchten. 

Nicht neu, aber weiter wichtig bleiben Social-Media-Formate. „Patfluencer“ und Selbsthilfegruppen nutzen kürzere Formate wie Reels, um Erfahrungen und Infos niedrigschwellig zu teilen.  

Dein persönliches Fazit: Was macht Videos im Gesundheitsbereich so besonders?

Tina: Die Arbeit mit Expert:innen macht großen Spaß, besonders wenn man merkt, dass sie wirklich für die Sache brennen, sich engagieren und ihr Wissen leicht verständlich teilen können. Für mich persönlich sind die Gespräche mit Patient:innen und Angehörigen aber der spannendste und wertvollste Teil meiner Arbeit. Ihre Geschichten aus erster Hand bereichern unsere Arbeit enorm und machen sie authentisch und glaubwürdig.