Was macht die Corona-Krise mit unserer Psyche?

Mit Kontaktverbot und Quarantänemaßnahmen werden oft die Zunahme von Angststörungen und Depressionen in Verbindung gebracht. Diplom-Psychologin Anja Ulrich beantwortet die wichtigsten Fragen zu den psychischen Konsequenzen der Virus-Pandemie: Was ist noch „normal“ und wann sollten wir uns Unterstützung suchen? Wie können wir lernen, mit negativen Gefühlen von Einsamkeit wie Angst, Trauer oder Wut umzugehen?

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Wir hören gerade öfter, dass Angststörungen und Depressionen in der Isolation zuhause gehäuft aufträten. Doch wie können wir unterscheiden, mit wie viel negativen Emotionen wir während der Krise umgehen können und wann professionelle Hilfe unterstützen kann?

Angst ist an sich ein normales Gefühl, das wir in der Regel selbst regulieren können. Und während der Corona-Pandemie sind viele Menschen durch Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit real in ihrer Existenz bedroht: Ängste und Sorgen sind dann nicht ungewöhnlich. Bei Angststörungen jedoch bleiben Angstgefühle ständig präsent und sind vorherrschendes Lebensgefühl: ob es sich um die eigene Existenz, Sorgen um geliebte Menschen oder vermeintlich nahende Katastrophen handelt – von einer generalisierten Angststörung spricht man in der Regel, wenn diese Gedanken, verbunden mit innerer Anspannung und erhöhter Vorsicht, länger als 6 Monate anhalten.

Depressionen äußern sich nicht immer, aber häufig durch ein Gefühl der Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und negativen Gedankenspiralen. Erschöpfung, das Gefühl, nicht mehr auf die gewohnte Energie zurückgreifen zu können, ausgeprägte Antriebslosigkeit, die sich dauerhaft auf das Leben auswirkt, bis hin zu einem Leeregefühl, können auftreten. Oft wird erst spät Hilfe gesucht und es vergehen Jahre vom Auftreten erster Symptome bis zum Aufsuchen professioneller Unterstützung. Das muss nicht sein! Weiter unten finden Sie Telefonnummern, die bei Verdacht auf eine Depression helfen können.

Es gibt einige Strategien, die bei der Bewältigung von schwierigen Gefühlen helfen können:

Erster Schritt ist, unsere Gefühle überhaupt erst zu erkennen und bewusst festzustellen, was es ist, das uns gerade fehlt. Einsamkeit kann unterschiedlichen Ausdruck finden: Bin ich traurig, weil ich denke, meine Freunde vergessen mich? Habe ich Angst, um meine Lieben oder um mich selbst? Oder bin ich wütend, etwa auf staatliche Maßnahmen? Wir möchten das zugrunde liegende Gefühl und damit verbundene Gedanken identifizieren. Warum bin ich wütend? Wovor habe ich Angst?

Um dann mit diesen Gefühlen umzugehen, können wir aktiv werden: Sind wir akut aufgebracht, sollten wir uns zunächst beruhigen: durch Achtsamkeitsübungen etwa, bewusste Atmung, oder unseren persönlichen Strategien, die bei der Beruhigung helfen. Dann fragen wir uns: Was kann ich tun, damit ich mich jetzt gerade besser fühle? Was macht mir Freude? Was tut mir gut? Dies kann ein Anruf oder Balkonbesuch bei Freunden sein, Kontaktaufnahme, um unsere Bedürfnisse mitzuteilen.

Bewegung und Sport sind wichtige Helfer und natürliches Anti-Depressivum, auch und gerade, wenn wir uns erschöpft fühlen: Das Gehirn wird besser durchblutet und wir fühlen uns belebt.

Wenn wir ein andauernd quälendes Gefühl der Überforderung empfinden, können wir jederzeit an verschiedenen Stellen professionelle Hilfe finden. Sich diese zu holen ist nicht immer einfach: Wir spielen unsere Probleme herunter, denn es gibt ja andere, denen es gerade viel schlechter geht, und überhaupt möchten wir nicht für „verrückt“ gehalten werden. Es gibt niedrigschwellige Angebote wie die Telefonseelsorge, in der ausgebildete Psychotherapeut*innen Trost und Rat geben können. Auch psychiatrische und psycho-therapeutische Behandlung können eine große Stütze sein: vielleicht helfen uns bereits ein bis zwei Sitzungen „Corona Coachings“, um neue Energie zu tanken; vielleicht ergibt auch eine längerfristige Therapie für uns Sinn.

Wer vermutet, an einer Depression zu leiden, kann anonym und unverbindlich das Infotelefon Depression anrufen: 0800 3344533

Erste Hilfe bei Krisen erhalten Sie außerdem unter diesen Nummern: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222

Haben Sie Fragen zum Thema? Schreiben Sie uns an fragen@share-to-care.de und wir werden sie in den folgenden Filmen beantworten.

Die Filme und Webseite entstanden in Kooperation mit SHARE TO CARE. Patientenzentrierte Versorgung GmbH.

Hier geht’s zu weiteren Videos rund um das Coronavirus und psychologischen Folgen: https://corona.share-to-care.de/covid-19-psychologische-fakten/