Kommunikation auf Bildschirmhöhe: Stellungnahme zu Möglichkeiten der Telemedizin

 

Kommunikation auf Bildschirmhöhe

Die Bundesärztekammer hat entschieden: vergangenen Donnerstag wurde für eine Änderung der Berufsordnung gestimmt, die Möglichkeiten zur Fernbehandlung eröffnet. In Zukunft könnten dadurch Programme genutzt werden, die beispielsweise ein Arztgespräch per Videochat von der heimischen Couch aus möglich machen. PD Dr. med. Jens Ulrich Rüffer, Geschäftsführer der medizinischen Medienproduktion TAKEPART, bezieht im Interview Stellung zum Beschluss und seinen möglichen Auswirkungen.

[AJ] Herr Dr. Rüffer, der Beschluss der Bundesärztekammer zieht sicher einige technische Umstellungen nach sich, bis die neuen Möglichkeiten zur Fernbehandlung tatsächlich genutzt werden können. Welche kommunikativen Umstellungen kommen hier Ihrer Meinung nach außerdem auf uns zu?

[JUR]  Welt immer digitaler, auch im Gesundheitsbereich, Fortschritt in Behandlung nötig, zunächst Grund zur Freude/ begrüßenswert, wir sind zunehmend an digitale Kommunikation und Informationsbeschaffung gewöhnt, Telemedizin kann also Schritt auf Bedürfnisse zu sein

aber (?) Digitalisierung birgt Risiko manche Arzt-Patienten-Beziehung ein stückweit voneinander zu entfernen, obwohl hier viel mehr Annäherung nötig ist um Gespräch auf Augenhöhe zu führen

Hier wichtig, Ärzte konkret zu schulen und auch in der nonverbalen Kommunikation in Videochats auszubilden. Gestik und Mimik werden hier anders wahrgenommen und sowohl die Intuition des Arztes als auch die Einschätzung des Patienten eines Gesprächs über den Bildschirm können beeinträchtigt werden

[AJ]  In welchen konkreten Situationen sehen Sie einen Vorteil der telemedizinischen Möglichkeiten und wo könnte die Fernbehandlung klare Nachteile bringen?

[JUR]  Ich kann mir vorstellen, dass vor allem ältere bzw. weniger mobile Menschen mit Erkrankungen in ländlichen Gegenden von einer Tele-Sprechstunde profitieren können. Ein Gang zur, oft weit entfernten, Facharztpraxis, wird hier häufig aufgeschoben, bis ein Besuch längst überfällig ist (ist das so?). Ein Videochat wäre also ein zusätzlicher möglicher Termin und kein Ersatz für den physischen Arztbesuch.

Auch hauptsächlich visuelle Behandlungen, wie beispielsweise die Untersuchung von Muttermalen in der Dermatologie oder das Besprechen von extern erstellten MRT oder Röntgenaufnahmen könnten hier Zeit sparen und einen Vorteil für ÄrztInnen und Menschen mit Erkrankungen haben.

Ein großes Risiko ist das Übersehen von Merkmalen, von denen Menschen mit Erkrankungen im Gespräch nicht explizit berichten können, die aber oft zur Diagnosestellung beitragen. In welchem seelischen Zustand jemand zu sein scheint, wie er riecht und wie sich eine Verletzung anfühlt sind entscheidende Faktoren bei einem Arztbesuch, die bei einer Telesprechstunde wegfallen.

[AJ]  Wie könnten solche Risiken umgegangen werden und die Vorteile der Telemedizin ausreichend genutzt werden?

[JUR]  Sicher müssen einige Richtlinien noch definiert werden, in welchen Situationen eine Tele-Sprechstunde tatsächlich sinnvoll ist. Ich finde es allerdings sinnvoll, Behandlern und Menschen mit Erkrankungen viel eigenen Entscheidungsspielraum zu lassen und beide Seiten eher darin zu schulen, diese Entscheidungen im Einzelfall bestmöglich treffen zu können. Kommunikationstrainings für Ärztinnen und Ärzte, sowie übersichtliche Informationen für Menschen mit Erkrankungen wären aus meiner Sicht notwendige Schritte vor der Nutzung telemedizinischer Angebote.

 

[JUR] – PD Dr. med. Jens Ulrich Rüffer (Geschäftsführer)

[AJ] – Annika Jäckels (Öffentlichkeitsarbeit)

 

Redaktionelle Hinweise:

TAKEPART Media + Science GmbH produziert seit 15 Jahren Medien zur Gesundheitskommunikation. Durch Filme, Webseiten, internationale Kongressberichterstattung und die Beteiligung an medizinischen Forschungsprojekten zur besseren Patienteninformation, setzt sich das Team für starke Patienten und eine Arzt-Patienten-Beziehung auf Augenhöhe ein. Geschäftsführer PD Dr. med. Jens Ulrich Rüffer, bekannt als „Dr. Rüffer“, ist Onkologe, Filmproduzent und Experte für moderne Gesundheitskommunikation.